Kein Bürgermeister: In Michelbach geht es ohne „Ortsoberhaupt“

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Es ist beinahe ein Alleinstellungsmerkmal, das der Ort Michelbach für sich in Anspruch nehmen kann. Aber nur beinahe. Denn in Emmerzhausen existiert noch eine weitere Gemeinde, die aktuell im Kreis Altenkirchen über keinen Ortsbürgermeister verfügt.



Michelbach. Stell‘ dir vor, es ist Kommunalwahl, und niemand peilt den Posten des Ortsbürgermeisters an. Kandidat(en)? Fehlanzeige! So lautet das Fazit in Michelbach nach dem Ende der Bewerbungsfrist für den „Chefsessel“ in der kleinen Gemeinde vor den Toren von Altenkirchen und vor der Kommunalwahl 2019. Denn Amtsinhaber Hans Kwiotek hatte unmissverständlich deutlich gemacht, dass er für weitere fünf Jahre nicht mehr zur Verfügung stehen werde. So ist ein guter Ausweg nicht teuer, denn das Prozedere in einem solchen Fall ist klar geregelt.

In der konstituierenden Sitzung des neuen Rates, in der sich ebenfalls niemand für das Amt des lokalen Würdenträgers zur Verfügung stellte, wurden aus dem Gremium heraus jeweils einstimmig Alexandra Schleiden zur Ersten Beigeordneten und Torsten Klein zum Beigeordneten gewählt, wobei klar geregelt ist, dass Schleiden die Ortsgemeinde rechtlich vertritt, also den Hut auf hat. Seit dem Votum lenken beide die Geschicke des 570-Seelen-Dorfes und sind nach wie vor mit Feuereifer bei der Sache. Ein wenig jedenfalls kannten sich beide vor dem Urnengang in kommunalpolitischen Dingen aus. Schleiden war bereits seit 15 und Klein seit 12 Jahren im Rat mit von der Partie. Von den 119 Ortsgemeinden im AK-Land ist ebenfalls noch Emmerzhausen seit dem 1. Januar ohne „Ortsoberhaupt“ unterwegs.

„Sprung ins kalte Wasser“
Im Rückblick auf die Mitte des zurückliegenden Jahres sieht das Duo den Aufstieg in die Führungsebene als einen „Sprung ins kalte Wasser“ an. „Wir wussten beide zum Beispiel nicht, wie man den Bauhof für Arbeiten verpflichtet“, sagt Schleiden und erhält ein zustimmendes Kopfnicken von Klein. Mit den inzwischen gemachten Erfahrungen und deutlich besserem Durchblick ist vieles selbstverständlicher geworden. „Immer standen und stehen die freundlichen Mitarbeiter der Verbandsgemeindeverwaltung Gewehr bei Fuß, wenn es galt und nach wie vor gilt, Fragen zu beantworten oder Probleme zu lösen“, ergänzt Schleiden, die als Kundenberaterin für Electronic Banking bei der Sparkasse Westerwald-Sieg arbeitet. Auch seien Zusammenkünfte mit Ortsbürgermeistern umliegender Gemeinden, die sich in unregelmäßigen Abständen treffen, hilfreich. „Denn immer wird gefragt, wie können wir euch helfen?'“, freut sie sich.

Klare Abgrenzung
Untereinander haben Schleiden und Klein klar abgegrenzt, wer sich um was kümmert. Widmet sich die 41-Jährige in erster Linie aufgrund ihres rechtlichen Status vor allem administrativen Dingen, nimmt sich der 48-jährige Straßenwärter, der zudem dank seines Lebensmittelpunktes den Ortsteil Widderstein repräsentiert, eher den Aufgaben an, bei denen selbst Hand an zu legen ist. Die Aufteilung der täglichen (praktischen) Arbeit liegt also ganz in ihren Händen, weil ihnen niemand aus höherer Warte reinredet. „Wir merken, dass es so funktioniert. Die Chemie zwischen uns stimmt halt“, betonen beide gleichlautend und sind froh, dass es im Rat keine Quertreiber weder aus der Wählergruppe Eckhard Hassel (9 Sitze), der sie beide angehören, noch aus der von Jörg Kwiotek (3 Sitze) gibt. Das Verhältnis zu den Mitgliedern sei gut. Dass dem so ist, sieht Schleiden auch in der von ihnen praktizierten Informationspolitik begründet: „Wir beide bringen uns laufend, und damit meine ich täglich, auf den aktuellen Stand der Dinge und geben auch alles an den relativ jungen und motivierten Rat weiter.“

Andere Wege beschreiten
In der kurzen Zeit seiner Regentschaft hat das „gemischte Doppel“ teils schon andere Wege beschritten, den Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl der Einwohner zu stärken. So wurde die (gut besuchte) Seniorenfeier, eigentlich immer mit Ausflügen verbunden, kurzerhand zu einer virtuellen Dorfführung umfunktioniert, bei der Schnappschüsse aus heutigen und lange zurückliegenden Tagen gezeigt wurden. Weitere Termine folgen. „Dazu zählen die Teilnahme am ‚Saubere-Umwelt-Tag‘ am 28. März und die Mai-Feier“, erläutert Klein. Und Geld, das über die Aktion ‚Heimatliebe‘ ins Gemeindesäckel gespült worden ist, wird in einen Sandbagger für den Spielplatz investiert, der während des Flurreinigungstermins seine neue Heimstatt erhalten wird. „Wir bringen halt viel Idealismus fürs Dorf auf und stellen uns sehr oft die Frage, was wir im Dorf verbessern können“, skizziert Klein.

Doch noch Kandidatur?
Wie lange Michelbach ohne Ortsbürgermeister(in) letztendlich auskommen darf, ist eine Frage, die neben der Verbandsgemeindeverwaltung auch die Kommunalaufsicht, in diesem Fall die Altenkirchener Kreisverwaltung, beantworten muss. So ganz verschließen will sich Schleiden einem „Aufstieg“ in die übergeordnete Ebene nicht. Diesen Schritt wird sie jedoch erst dann vollziehen, wenn sie genau weiß, dass Klein – dann in der Funktion als neu gewählter Erster Beigeordneter – weiter an ihrer Seite stehen kann. Was Schleiden inzwischen weiß, es vor rund sieben Monaten aber noch nicht wusste: „Ich hatte damals keine Ahnung, was auf mich zukommt!“ Bis zum heutigen Tag ist ihr doch schon gewiss einiges klarer geworden. Forciert dieser Umstand gar eine Kandidatur? 

Quelle: ak-kurier.de, Foto und Text: Volker Held